Baghramian, Nairy Sitzengebliebene (Schlingel), 2017
Polyurethan, lackiertes Aluminium, Silikon 131 x 110 x 57 cm Courtesy: © Marian Goodmann Gallery, New York

Text zum Werk

Mit ihrer für Retrospektiven im S.M.A.K., Ghent, und im Walker Art Center, Minneapolis, geschaffenen Gruppe der Sitzengebliebenen von 2016 bezieht sich die Künstlerin auf ihre wichtige frühere Gruppe des Klassentreffen (2008). Diese präsentierte ein Ensemble von hochaufgeschossenen, vorwiegend schwarz-weißer, aus verschiedenen Formen und Materialien zusammengesetzter Skulpturen deren Namen wie Der Faullenzer oder Der Dandy auf die verschiedenen sozialen Identitäten wie sie im Kontext einer Schulklasse angenommen werden können, anspielte. Gleichzeitig stellte der Gruppenname Bezüge zu sozialen und ökonomischen Strukturen sowie dem menschlichen Bedürfnis der Klassifizierung her.

In der späteren Arbeit baut Baghramian auf diese Idee auf mit einer Gruppe niedriger, pastellfarbener, gerundeter Skulpturen welche, wiederum aus verschiedenen Formen konstruiert, einen oft ungelenken Balanceakt zu vollführen scheinen. Dies sind die Sitzengebliebenen; bestehend aus ungenutzten Materialien und Gedankenläufen der Vorgängergruppe tragen sie Namen wie Schlingel, Eigenbrödler, Tranfusel, Schmuddelkind und Klassenclown und verweisen auf die Gruppe der von der Klassengemeinschaft, etwa durch die Unfähigkeit das Schuljahr zu beenden, Ausgeschlossenen. Im wahrsten Sinne des Wortes sitzenbleibend, ist ihnen ein gewisses körperliches Unbehagen bei der Einnahme von Raum anzumerken. Während sich das Klassentreffen auf die Idee von fabrizierten Identitäten und Individualitäten bezieht, verlagert sich bei den Sitzengebliebenen der Fokus auf marginalisierte Gruppen und ihre Präsenz in sozialen Räumen. Gleichzeitig nimmt Baghramian hier eine selbstreflektierte Überprüfung der konzeptionellen und räumlichen Lücken in ihrem eigenen Oeuvre vor.

Quelle: Eigentext

Künstler

Nairy Baghramian wurde 1971 im Iran geboren und lebt seit ihrem dreizehnten Lebensjahr in Berlin. In ihren meist skulpturalen Installationen erforscht die Künstlerin Konzepte räumlicher und kultureller Exklusion. Hierbei liegt ein besonderer Interessenschwerpunkt auf der politischen Dimension von häuslichen Innenräumen und ihrer Rolle als Betätigungsfeld von, aus dem öffentlichen zumeist männlich dominierten Architekturdiskurs ausgeschlossenen, weiblichen und homosexuellen Designern. Ihre zumeist aus verschiedenen Materialien bestehenden Formen zitieren den menschlichen Körper und seine Gesten, bleiben aber dennoch abstrakt. Sie hinterfragen, untergraben und füllen die Lücken von institutionellen Räume und Narrativen.

Wichtige Einzelausstellungen der Künstlerin wurden u.a. in der Kunsthalle Basel (2006), Staatliche Kunsthalle Baden-Baden (2008), Serpentine Gallery, London (2010), Kunsthalle Mannheim (2012), Art Institute of Chicago (2014), Museum Haus Konstruktiv, Zürich (2016), S.M.A.K. Museum of Contemporary Art, Ghent, (2016), Walker Art Center, Minneapolis (2017), National Gallery of Denmark (2018) and Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia, Madrid (2018) präsentiert.

Darüber hinaus hat Baghramian an Gruppenausstellungen wie der Documenta 14 (2017), Skulptur Projekte Münster (2017, 2007), Lyon Biennale (2017), Kyoto International Festival of Contemporary Culture (2015), 45. Internationale Biennale Venedig (2011) und 5. Berlin Biennale (2018), teilgenommen.

Die Künstlerin nimmt immer wieder kuratorische Projekte an wie etwa für den Neuen Aachener Kunstverein (2008) oder das Museum Abteiberg, Mönchengladbach (2018).

 

Quelle: Eigentext