Polke, Sigmar Telepathische Sitzung, 1968
Lack auf Leinwand, Schnüre, 2 Tafeln Bildmaß: 2 Tafeln je 50 x 43 cm Courtesy: © The Estate of Sigmar Polke, Cologne / VG Bild-Kunst, Bonn 2015 Foto: Egbert Trogemann

Text zum Werk

"Die Parapsychologie war in den 1960er Jahren populär und galt ebenso wie Meditation, Medien oder Drogenkonsum als Möglichkeit der Bewusstseinserweiterung. Sie schien während des Kalten Krieges eine neue Art der Kommunikation zu versprechen und wurde deshalb von Psychologen, Mathematikern und dem Militär erforscht. [...] Polkes telepathische Experimente erinnern an okkulpte Séancen. Zugleich sind aber die Sender und die Empfänger physisch mit den lose hängenden, in die Leinwände gesteckten Schnüren verbunden, als seien Polkes mentale, telepathische Prozesse mit Verstärkern verkabelt. [...] Verschiedene Elemente von Polkes Parawissenschaft erinnern zudem an die Computertechnik der 1960er Jahre: Die im militärischen Kontext entwickelten Computer, die zunehmend zivile Anwendung fanden, wurden mittels Steckverbindungen programmiert, und die Wahl zwischen "ja" und "nein" ähnelt den Ja-Nein-Entscheidungen, das heißt den Bits, die seit den späten 1940er Jahren als grundlegende Informationseinheit der Kommunikations- und Informationstheorie gelten."

Kathrin Rottmann: Polke im Kontext: Eine Chronologie, in: Alibis: Sigmar Polke 1963 - 2010, Hrsg.: Kathy Halbreich/ Mark Godfrey/ LankaTattersal/ Magnus Schaefer; Tate Publishing 2014, S. 33

Künstler

Sigmar Polke
geboren 1941 in Oels
gestorben 2010 in Köln

Nach der Vertreibung aus Niederschlesien nach Thüringen im Jahre 1945 floh Polkes Familie 1953 aus der DDR nach West-Berlin und zog dann in die Nähe von Mönchengladbach.
Von 1959 bis 1960 machte Polke eine Glasmaler-Lehre in Düsseldorf-Kaiserswerth. 1961 bis 1967 absolvierte er ein Studium bei Gerhard Hoehme und Karl Otto Götz an der Kunstakademie Düsseldorf. Im Jahre 1963 begründete Sigmar Polke zusammen mit Gerhard Richter, Konrad Lueg und Manfred Kuttner den Kunststil des "Kapitalistischen Realismus", der eine radikale Ablehnung aller etablierten Kunstrichtungen demonstrierte und die deutsche Pop Art ins Leben rief.
Von 1970 bis 1971 hatte Polke eine Gastprofessor an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg inne, zwischen 1977 und 1991 lehrte er dort erneut. 1980 bis 1981 unternahm der Künstler ausgedehnte Reisen nach Papua-Neuguinea, Australien und Asien. 1981 erfolgte der Umzug nach Köln.

"Im Gegensatz zu anderen Künstlern, die sich und ihre Kunstrichtung als Verkörperung einer formalen oder konzeptionellen Ideologie darstellen, hat Polke diesen engen Bestimmungen durch sein aggressives und hartnäckiges Experimentieren mit Materialien und Ideen widerstanden. Polke folgt nicht den momentan gängigen Trends, sondern handelt als Initiator und als Flaneur, der das historische und zeitgenössische Erbe von Abstraktion und Abneigung, Pop-Art, Minimalismus und Konzeptkunst umdefiniert und übernimmt. Er wendet die Lehren und Einsichten dieser formalen Strategien auf eine subtile und humorvolle Weise an, mit einer Kraft, die ihre endlosen Möglichkeiten darin enthüllt, stets erneuernde Bedeutung zu schaffen. [....]
Historische Bezüge gibt es in Hülle und Fülle in Polkes Werk. Jedes Werk erhält seine Position in der Gegenwart durch ein informiertes Bezugssystem, das auf ein bereits vorhandenes Bilderrepertoire aufbaut. Polke zitiert aus den Quellen der Kunstgeschichte ebenso wie aus der Konsumentenkultur. Gefundene Stoffe, mit wiederkehrenden Kitschbildern und Mustern ersetzen die Leinwand als Hintergrund und unterstreichen so die Flachheit der Oberfläche. Gedruckte Bilder werden verzerrt, vergrößert und entstellt, alles im Dienste der Form und Idee. Graphische Formen, von allen möglichen Printmedien übernommen, werden neben zufälligen Tropfen, Kleckse und Gesten von Farben positioniert, was über den tieferen Witz und das Ziel von Polkes scheinbar respektlosem Zugang zur Malerei, hinwegtäuscht. Er schafft anspruchsvolle, verdrehte Spiele mit Bildern, in denen Abstraktion und Gegenständlichkeit auf unerwartete Weise verbunden sind."

Dinaburg Arts LLC; in: Sigmar Polke, Hrsg.: Arario, Korea 2005, S. 14